Istanbul, 24. April: Der Staat schweigt, Menschenrechtler trauern & fordern, Nationalisten skandieren Parolen

Die Istanbuler Gliederung der Türkischen Menschenrechtsvereinigung IHD, genauer ihre „Kommission gegen Rassismus und Diskriminierung“, ist Vorreiterin bei den Gedenktagen für die Opfer des Völkermords an den Armeniern. Eine Weile wählte die IHD geschlossene Räume für diesen Zweck.

Letztes Jahr hatten die Organisatoren die zündende Idee, an einem geschichtsträchtigen Ort zusammenzukommen. Ihre Wahl fiel auf den Bahnhof Haydarpaşa, von wo aus die armenischen Intellektuellen am 25. April 1915 ins Landesinnere verschickt worden waren (ADK 148, S. 23-25).

Auch dieses Jahr traf die IHD eine gute Wahl. Man kam vor dem Ibrahim Pascha Palast, der 1915 als Gefängnis diente (heute: Museum für islamische Kunst) zusammen. Dorthin wurden am Abend des 24. April 1915 einige Hundert Armenier Istanbuls gebracht, bevor es am folgenden Tag zum Bahnhof von Haydarpaşa und von dort mit dem Zug ins Landesinnere ging.

Die Erklärung der IHD „1915 ist ein Völkermord. Völkermord ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ las RA‘ Eren Keskin vor. Ein Auszug (die vollständige englische Fassung hier): „Heute sieht man auf den Webseiten der staatlichen Institutionen, des Generalstabs immer wieder dasselbe, als habe eine einzige Person dies verfasst: Die am 24. April Verhafteten waren, deren Ansicht nach, ‚armenische Komitadschis (Mitglieder eines revolutionären Komitees)‘, die gegen den Staat agierten. Sie lügen. Die am Abend des 24. April Verhafteten waren größtenteils Intellektuelle (…), aber auch ganz gewöhnliche Menschen befanden sich unter ihnen (…) ihre Festnahme war sehr sorgfältig vorbereitet worden. Die Gendarmen wiederholten mit ausgesuchter Höflichkeit immer wieder diesen einen Satz: ‚Nichts Wichtiges, in einer Sache wollen wir von Ihnen etwas wissen, dauert keine 5 Minuten, danach kommen Sie wieder nach Hause.‘ Der Zweck: Es sollte keine Panik entstehen, die Mitbewohner sollten andere nicht vorwarnen (…) die Gruppen wurden mit Feuerwehrwagen zum Palast des Ibrahim Pascha, (…) gebracht. Dort wurden sie von Ibrahim, einem der Führer der Sonderorganisation Teşkilatı Mahsusa, empfangen. Dieser war zur Durchführung der Massaker zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden. Er war berüchtigt, denn in einem Kloster hatte er Armenier festgesetzt, diese tagelang gefoltert und galt deswegen als ‚Monster‘ (…) die damals herrschende Partei für Einheit und Fortschritt und ihr ausführendes Organ Teşkilatı Mahsusa haben der armenischen historischen, wirtschaftlichen und sozialen Existenz in Anatolien ein Ende bereitet. Nicht nur das Leben der Armenier war das Ziel. Man hat ihr Eigentum, ihr Geld, ihre Erinnerungen und ihre Geschichte beschlagnahmt. Eine Zivilisation wurde aus ihrer jahrtausendealten Heimat ausradiert, vernichtet. Bei diesem Prozess teilten auch die anderen nicht-muslimischen anatolischen Völker, die Griechen, die Assyrer, die Yesiden dasselbe Schicksal. Als IHD bringen wir seit 2005 diese Forderung zum Ausdruck: Die Leugnung des Völkermords ist die Fortsetzung des Völkermords. Macht Schluss mit der Leugnung. Akzeptiert mit all seinen rechtlichen Folgen das Verbrechen.“

Auch dieses Jahr war der Taksim Platz in Istanbul Schauplatz einer Gedenkveranstaltung. Initiativ war dieses Mal die Gruppe DurDe (Irkçılığa ve Milliyetçiliğe DurDe! (Sag Stopp zum Rassismus und Nationalismus!)). Sie ist eine 2007 gegründete zivilgesellschaftliche Organisation, die einige Zehntausend Aktivisten mobilisieren kann.

Die folgende Erklärung wurde vorgelesen: „Der 24. April 1915 bildet den Anfang jener Katastrophe, in deren Folge die seit Jahrhunderten mit den anderen Völkern in diesem Land lebenden Armenier ohne Ansehen des Geschlechts, des Alters, der Gesundheit und nur aus einem Grund, dass sie Armenier waren, mit staatlicher Gewalt von ihrer Heimat, ihrer Wohnung, ihren Feldern, ihrem Arbeitsplatz, ihren Berufen fortgerissen, zu Hunderttausenden ermordet, vertrieben und jeglicher Form von Grausamkeit ausgesetzt wurden.

Seither haben der Staat und die Regierungen versucht, diesen schrecklichen Vorgang zu vertuschen. Wenn das nicht ging, hängten sie ihn tiefer, mehr noch: sie erklärten ihn zu einer Rebellion und legitimieren ihn somit. Dabei ist diese tödliche Deportation ganz offensichtlich ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das durch keinerlei Begründung gerechtfertigt werden kann.

Allerdings sollte man wissen: Solange diese auf die Leugnung des Verbrechens basierende offizielle Politik des Staates fortgesetzt wird, wird die insgeheim blutende Wunde in den Herzen unserer Menschen immer tiefer, sie lähmt unseren Verstand, unser Gewissen, unser Gerechtigkeitsgefühl immer mehr.

Aber wir müssen dem ein Ende setzen. Aus diesem Grund laden wir all jene, die vom ganzen Herzen möchten, dass dieses Land zu einem Ort wird, indem Menschen mit reinem Gewissen leben, zu einer sehr verspäteten humanitären Aufgabe ein (…).“

Ein Jahr zuvor hatten die Initiatoren der Internetkampagne „Wir bitten um Verzeihung“ am selben Ort ihre Erklärung vorgetragen. Diese war im Vergleich zu der vom IHD erkennbar schwächer ausgefallen. DurDe hat die Konsequenzen daraus gezogen und die Dinge deutlich beim Namen genannt, die staatliche Verantwortung herausgestellt, m. a. W.: sich der IHD angenähert, wie diese Ross und Reiter genannt.

Ähnliche Veranstaltungen führte DurDe auch in Ankara, Bodrum, Diyarbakir und Izmir durch.

Die Gegendemonstranten

Schon aus Proporzgründen durften extremistische Gegendemonstranten nicht fehlen. Beherzt wie immer waren die Grauen Wölfe, die sich verharmlosend „Idealisten“ nennen und eine Gliederung der stramm nationalistischen MHP sind. Sie skandierten ihre Klassiker: „Nieder mit der armenischen Diaspora“ und „Die Türkei ist türkisch und wird türkisch bleiben“. Einige trugen türkische und aserbaidschanische Fahnen, auf einem Banner stand in Großbuchstaben „Wir sind alle Türken“ – offenbar haben diese Kreise den Slogan „Wir sind alle Hrant, wir sind alle Armenier“ noch nicht verdauen können. Der „intellektuelle Vordenker“ der Truppe gab den anwesenden Journalisten einen Tipp: „Lasst euch von den Lügen der so genannten türkischen Intellektuellen nicht instrumentalisieren.“ Es wurde viel geklatscht, wie bei dieser zackigen Truppe üblich immer auf Kommando.

Eine andere Gruppe, die sich die „Befreiungsarmee des Volkes“ nennt und reichlich viele rote Fahnen mit sich trug, eben eine „proletarische (Splitter)Partei“, ließ Atatürk und Lenin hochleben. Auf einem Banner war zu lesen: „Unser neuer Befreiungskrieg gegen den zweiten Vertrag von Sèvres“. Und natürlich waren die USA „die eigentlichen Völkermörder“ und nicht die Türkei. Die Polizisten standen zwischen diesen Gruppen und den wesentlich zahlreicher erschienenen Sympathisanten von DurDe.

Der Staat

Auch dieses Jahr hat sich der Staat mit der Rolle des Ordnungshüters zufriedengegeben. Er hat dafür gesorgt, dass die Gegner des IHD bzw. von DurDe von den Gegendemonstranten nicht angegriffen wurden. Andererseits ist der Staat in keiner Weise mit Verlautbarungen auf diesen Tag und seine Bedeutung eingegangen. Mit anderen Worten: Indem die AKP-Regierung den Aktivisten von IHD und DurDe keine Steine in den Weg gelegt hat, hat sie – wie letztes Jahr – klüger gehandelt als Vorgängerregierungen und sich somit ein „liberales“ Image gegeben, mit dem man besonders im Ausland auf sich aufmerksam machen und Punkten kann.

Allerdings wäre es falsch, daraus zu folgern, die offizielle Türkei habe ihre Sicht auf die Vorgänge von 1915 revidiert. Selbst wenn man die Äußerungen von Ministerpräsident Erdoğan oder anderer staatlicher Rep-räsentanten zu diesem Thema für einen Moment außer Acht lässt, wird schon allein an der staatlichen Finanzierung von Institutionen, zu deren Aufgaben auch die „wissenschaftliche Abwehr der armenischen Behauptungen“ gehört, deutlich, dass die AKP 1915 genauso bewertet wie all die türkischen Regierung seit Gründung der Republik im Jahre 1923 auch.

Offensichtlich werden die Gedenkveranstaltungen in der Türkei noch eine ganze Weile eine Domäne der Menschenrechtler und vergleichbarer Organisationen bleiben. Dass der Staat seine bisherige Politik überdenkt und sich zu diesem dunklen Kapitel bekennt, scheint zum gegenwärtigen Zeitpunkt wenig wahrscheinlich zu sein.

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DurDe 1 , DurDe 2, Graue Wölfe

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IHD, DurDe

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